Jakobsweg Kurzgeschichte „Eine unerwartete Nacht“


"Eine unerwartete Nacht"

Der Weg war staubig und am Rande sprießten einige Sonnenblumen Richtung Sonne geneigt.

Das Dorf war nicht mehr weit und ich lief noch einen kleinen Hügel herunter bis zum Ortsschild.

Es war ein kleiner Ort mit nur einer Straße die geradewegs durch die Mitte führte. Auf einem kleinen Platz blieb ich stehen und schaute vermutlich etwas verdutzt, als ich einen seltsam gekleideten Mann sah.


Er hatte eine braune Kutte an und hielt einen Wanderstab in der Hand, an dem ein Flaschenkürbis befestigt war. Auf seinem Kopf trug Er einen Hut mit breiter Krempe, in der Mitte eine Jakobsmuschel. „Mein Gott, ein Jakobsweg Maskottchen“,

„ dem muss ja heiß sein unter der langen Kutte“, fragte ich mich.


Mit einem grinsen im Gesicht lief ich weiter. Am Ortsende setzte ich mich im Schatten auf einen Stein. Da ich noch einen Apfel und eine Flasche Wasser, die ich mir unterwegs an einem Brunnen aufgefüllt hatte, im Rucksack mit mir trug, war es jetzt Zeit für einen Mittagssnack. Ich schaute in die Weite und beobachtete die Vögel, die sich auf dem Feld ein paar Weizenkörnchen ergatterten. Daraufhin dachte ich nochmals an den komischen Jakobusdarsteller und schüttelte in Gedanken den Kopf.


Auf einmal fiel ein Schatten über mein Gesicht. Ich schaute nach links und sah einen Mann auf mich zukommen. Die Silhouette verriet mir, das er schwer bepackt war. „Sorry, please can you help me“ fragte er.

Er kam näher und streckte mir seinen Reiseführer entgegen. Er zeigte auf eine Herberge die wohl in diesem Ort sein müsste. Bei näherem hinsehen sah ich, dass die Schrift in Deutsch verfasst war.

„ Wir können gerne Deutsch sprechen“ sagte ich.

„Oh toll“ meinte Er und setzte sich neben mich.

„ Ich suche diese Herberge, die soll wohl hier sein“.

Ich holte meinen für mich vertrauten Reiseführer hervor und schaute mir die Route an.

„Ich glaube, die ist erst im nächsten Ort“ antwortete ich.

„Okay auch gut“ , sagte er und fing an seinen riesigen Bundeswehrrucksack umzupacken. Ich schaute ihm dabei zu und sagte,

„Du hast aber viel Gepäck dabei“.

Er lächelte und meinte, „ich schlafe auch meist draußen“,“Ich bin übrigens Ben“.

„Freut mich, ich bin Elly“.

„Wollen wir ein Stück gemeinsam gehen Elly“?

„Ja sehr gerne“, sagte ich und wir liefen zusammen weiter.


Circa 2 Stunden sprachen wir ununterbrochen. Wir merkten, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten und waren uns sehr sympathisch.

Ich empfand seine Gegenwart als sehr abwechslungsreich und vor allem wohltuend . Seine Art, die Dinge zu sehen und wahrzunehmen, gefiel mir sehr.

Ben war relativ groß und schien sehr sportlich zu sein. Seine blonden, etwas längeren glatten Haare fielen zur linken Seite. Auf der rechten Seite waren Sie sehr kurz. Er hatte stahlblaue Augen, bei denen es mir schwer fiel, länger hinein zu schauen. Deshalb zog ich es vor, mich mehr auf den Boden zu konzentrieren.


Der nächste Ort war schon zu sehen - dort beschlossen wir zu bleiben. Meine Erzählung über die mir favorisierte Herberge, lies Ben entscheiden, dort auch zu übernachten und sich ausnahmsweise ein Bett zu gönnen. Nachdem wir uns in der Herberge eingetragen hatten, führte uns der Besitzer etwas außerhalb durch ein Gartentor in einen schönen, mit Mauern umrandeten Garten. Rechts daneben gingen wir in einen großen und hellen Raum, dort standen 8 Stockbetten mit sauberen, weißen Laken bezogen.


Es sah alles sehr gepflegt und ordentlich aus. Am Ende des Raumes war das Gemeinschaftsbad mit 3 Duschen und 3 WCs. Es waren noch keine anderen Pilger da, was mich animierte das beste Bett auszusuchen. Generell schlafe ich in diesen Stockbetten lieber unten, da die Leitern oft sehr schmal und unbequem an den Füssen sind. Wir suchten die Betten so aus, das wir uns gegenüber lagen und wir uns in die Augen sehen konnten, was mir irgendwie gefiel.

Nach so einem heißen Tag war erstmal Duschen angesagt und danach Wäsche waschen.

Im Garten gab es einen großen Waschtisch, eine Wäscheleine und eine Feuerstelle in der Mitte. Weiter vorne waren einige weiße Gartenstühle und Tische aufgebaut.

„Hier lässt es sich leben“ dachte ich mir.

Als ich fast fertig war mit Waschen, kam Ben frisch geduscht und mit Wäsche auf dem Arm dazu.





„ Alles in Ordnung bei dir“? fragte er.

„Ja alles okay und bei dir“?

„Es geht so, ich habe ziemlich Hunger, Du auch“?

„ Ein wenig“ antwortete ich.

„Wollen wir nachher schauen ob es hier einen Supermarkt gibt“ fragte Ben.

„Das ist eine gute Idee“ stimmte ich zu.

Beim Wäsche aufhängen schaute er mich ständig an, ich hatte Schwierigkeiten diese Blicke nicht zu erwidern. Ich merkte, wie ich langsam nervös wurde und fragte ob wir losgehen.

Und tatsächlich gab es in diesem kleinen Dörfchen einen Mini Supermarkt. Er war wirklich sehr klein, mit drei Personen wäre er voll gewesen.

Wir kauften ein Paar Würstchen, ein Baguette, Wein, Salat und etwas Reiseproviant für den nächsten Tag.

Wir einigten uns, das wir später an der Feuerstelle unser Abendessen zubereiten werden. Nach einem Spaziergang durch das Dorf kamen wir gegen 19 Uhr wieder an der Herberge an. Ben öffnete das Gartentor und schaute verwirrt in den Garten. Ich ging rechts in die Türe und schaute nicht weniger irritiert.

„Wo sind denn die anderen Pilger“?

In dem Moment wurde mir klar, das wir heute Nacht alleine waren. Ein Gefühl von Unsicherheit mischte sich mit Vorfreude und dem Gedanken was passieren wird.

Denn ich kenne diesen Mann gar nicht, wird er diese Situation ausnutzen?

Was werde ich tun Wenn?

Vielleicht hat er aber auch gar kein Interesse an Frauen?

Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, wobei sich bei der letzten Frage mein Gefühl sehr getäuscht hätte. Nach diesen Gedankensprüngen schaute ich zu ihm rüber und sah, dass er mich anblickte. Ich wusste nicht ob ich seinem Blick standhalten oder mich ihm entziehen solle. Doch seine Augen und sein freundliches Lächeln sagten mir, das heute nichts passiert, was ich nicht auch möchte. Obwohl es dieser Gedanke auch nicht besser machte. Was möchte ich denn?


Nach diesem Blickkontakt ging ich zu meinem Rucksack und verstaute meinen Proviant.

Meine Gedanken kreisten und mein Herz pochte wie verrückt.

Ben rief von der Türe ins Zimmer:

„ ich gehe schon mal Feuer machen okay“?

„In Ordnung, ich bin auch gleich da“ antwortete ich mit einer aufgewühlten Stimme.


Nach einigen Minuten ging ich in den Garten. Ben saß am Feuer und blickte in die Flammen. Ich setze mich zu Ihm und wir schwiegen für eine ganze Weile.

„Was denkst du Elly?“ sagte er etwas unsicher .

„Ich weiß nicht “ antwortete ich.

Ich bemerkte eine Spannung zwischen uns und fragte mich warum das so ist? Nur weil wir zu zweit in einer Herberge sind und uns offensichtlich attraktiv finden, muss doch nicht gleich was passieren. Ich glaube das rede ich mir nur ein!

Wir bereiteten unser Abendessen zu und tranken ein paar Becher Wein. Nach einer Weile war die Stimmung aufgelockert und wir genossen die Ruhe. Wann hat man denn eine ganze Herberge für sich? Wir scherzten das die Herberge verflucht sei oder ein Mörder uns heute Nacht holen kommt. Wir alberten herum und merkten gar nicht, wie schnell die Zeit verging.

So gegen Mitternacht meinte ich, das ich langsam ins Bett gehen wolle. Ben schaute mich etwas traurig an und wünschte mir eine Gute Nacht.

Er blieb noch am Feuer sitzen und sah sehr nachdenklich aus. Ich ging ins Bad und setzte mich auf einen Hocker. Ich war sehr angespannt und meine Hände zitterten.

„ Das ist doch Mist Elly, du benimmst dich wie ein kleines Kind“ dachte ich mir. Aber ich konnte meine Gefühle und Gedanken nicht kontrollieren.

Als ich an meinem Bett ankam, bemerkte ich, dass mein Handy noch draußen war. Ich lief gedankenversunken in Richtung Eingang zurück.


Plötzlich erschien Ben kurz vor mir in der Türe. Er schaute mich sehr erwartungsvoll und entschlossen an und konnte seine Anspannung nicht mehr verbergen.

Wie ein Magnet zog es mich einen Schritt nach vorne bis ich seinen Atem auf meiner Stirn spüren konnte. Seine Hände umfassten mein Gesicht und er sah mir tief in die Augen. Dann küsste er mich sehr leidenschaftlich, sodass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich erwiderte seinen Kuss und spürte dabei ein weiches kribbeln an meinem ganzen Körper. Es fühlte sich an, als würden wir miteinander verschmelzen. Im Zuge dieses Kusses wanderten wir langsam in Richtung meines Bettes. Auf einmal war jeder Zweifel verschwunden und ich ließ mich voll und ganz auf Ihn ein. Wir zogen uns langsam mit all unseren Sinnen aus und verbrachten eine unvergessliche Nacht zusammen.

Ich weiß nicht ob es an dem Charme des Caminos, der Ausnahmesituation oder der Anziehungskraft zweier sich begehrender Menschen lag, aber das Gefühl das ich bei Ben hatte,war mir vorher noch nie passiert. Ich hatte immer großes Misstrauen anderer, vor allem fremder Männer gegenüber. Bei ihm wusste meine Intuition, dass ich ihm vertrauen und meinen Gefühlen freien lauf lassen konnte.


Am nächsten Morgen wachte ich gegen 7 Uhr auf. Ich sah zu Ben hinüber und konnte mit Erstaunen feststellen, dass er schon wach war. Wir sahen uns an und fingen beide an zu lachen. Ben stand auf und kam zu mir rüber.

„Guten morgen Schönheit“ , sagte er in einem sehr angenehmen Tonfall.

„Guten Morgen“ antwortete Ich.

Daraufhin gab er mir einen Kuss auf die Stirn und reichte mir einen Kaffeebecher in die Hand.

„Ich war schon mal Kaffee holen“ meinte er und ging zu seinem Bett zurück.

„Vielen Dank“ rief ich hinterher „‘Genau das was ich jetzt brauche“.

Er lächelte mir von der gegenüberliegenden Seite zu und fing an, seine Sachen zu sortieren.

„Wollen wir heute noch ein Stück zusammen gehen“ fragte Er.

„Das würde ich sehr gerne“ antwortete ich mit einem lächeln im Gesicht. Ich war sehr glücklich über die Geschehnisse der letzten Nacht. Mein Herz war leicht wie eine Feder und meine Gedanken kreisten um den heutigen Tag, sonst nichts. Egal was war oder noch sein wird, was zählte, war das Hier und Jetzt. Alle Ereignisse die heute passieren werden, können nur positiv sein. Mit diesem Gefühl in der Brust brachen wir auf.


Unterwegs hielten wir immer wieder Händchen und küssten uns. Als wir so vor uns hin wanderten, fiel mir mit Schrecken ein, dass heute mein letzter Tag war. Vor lauter Schmetterlingen im Bauch hatte ich total meinen Zeitplan vergessen. Schlagartig fiel meine Stimmung und ich wurde sehr nachdenklich. Mein Flug startete morgen früh und es war die einzige Möglichkeit ihn zu erwischen, wenn ich heute Abend in den Bus nach Madrid steigen würde. Ben bemerkte das etwas nicht stimmt und stupste mich an,

„Was ist los?“ fragte Er.

Ich meinte, „komm wir setzten uns dort hinten auf den großen Stein“.

„Heute ist mein letzter Tag auf dem Camino, mein Flieger geht morgen früh“, brach es aus mir heraus. Ben schaute nachdenklich auf den Boden.

„Sehen wir uns denn wieder“?

„Das will ich doch schwer hoffen“ meinte ich scherzhaft, um die Stimmung etwas aufzulockern.


Abends am Busbahnhof lagen wir uns lange in den Armen und schworen uns, das wir uns bald wiedersehen und in Kontakt bleiben.


Es fällt mir jedes mal schwer, vom Camino wieder nach Hause fahren zu müssen, aber dieses mal war es der Herzschmerz, die Sehnsucht nach Ben die mich die ganze Heimreise begleitete.


Unerwartete Dinge können immer und zu jeder Zeit passieren -

Sei offen für alles und lebe im hier und Jetzt!

Genieße den Moment und vergeude deine Gedanken nicht unsinnig an Vergangenem oder Zukünftigem!


Autor:

Sabrina Hellmann, 18.05.2020

Facebook

© 2020 by Dorothea Knophius

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now